Wenn man an Heiligabend, zu später Stunde, unzureichend alkoholisiert, in seinem ehemaligen Jugendzimmer nächtigt kommt man nicht umhin sich kurz zu vergegenwärtigen in welcher Gegenwart man sich eigentlich befindet. Aus kurz werden ein paar Stunden, und wer nur ruhigen Gewissens Schlaf findet, verbringt die halbe Nacht in sinnender Haltung. Mein ehemaliges Bett ist fernen Verwandten in sozialer Schieflage vermacht worden und wurde nun durch bettgestellähnliche, stapelbare, Matrazen beinhaltende, Holzkästen ersetzt. In zentraler Position befindet sich der alte Esstisch, überladen mit Stoffresten und Bastelutensilien meiner Mutter. Auf gegenüberliegender Seite harrt noch immer die klassische Schrank-Schreibtisch kombination die mich bereits seit frühester Kindheit begleitet, nun jedoch weit weniger kindliche Geheimnisse beinhaltend.
Schlussendlich liegt, in kleine, saubere Stücke zersetzt, der Großteil meiner Jugend in diesem Zimmer. Gefühlt: alles was hier war ist verloren und ein beklagenswerter Verlust. So ereilt die schlimmen Erlebnisse und tragischen Begebenheiten das gleiche Schicksal wie die einst lebenserhellenden, oft einmaligen, Momente im Kontext dieser Räumlichkeit. Sie alle werden zu einer instant-artigen melancholischen Substanz, die als Ressource nur durch Zuhilfenahme der Chronologie zu erschöpfen ist. Das Verlagern meines Lebensmittelpunktes in eine bindungsärmere Umgebung und der mehr und mehr abflachende Puls der Erlebnisse lassen diesbezüglich aber auf wenig Zuwachs hoffen.
Original wurde veröffentlicht auf http://www.speeduptruth.de